Benedikt XVII. schreibt an die Seminaristen

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Benedikt XVII. schreibt an die Seminaristen

Beitrag von Admin am Sa Okt 23, 2010 1:58 am

Die sieben Regeln des Papstes auf dem Weg zum Priestertum – eine Anthologie. Von Armin Schwibach

Vorspann

Die böse Macht und die Notwendigkeit des Priesters angesichts der Verwüstungen

Als ich im Dezember 1944 zum Soldatendienst eingezogen wurde, fragte der Kompaniechef jeden einzelnen von uns, welchen Beruf er für die Zukunft anstrebe. Ich antwortete, ich wolle katholischer Priester werden. Darauf der Leutnant: Da müssen Sie sich etwas anderes suchen. Im neuen Deutschland werden Priester nicht mehr gebraucht. Ich wusste, dass dieses „neue Deutschland" bereits am Ende war und dass nach den ungeheuren Verwüstungen, die dieser Wahn über das Land gebracht hatte, erst recht wieder Priester nötig sein würden.

Wo der Mensch Gott nicht mehr wahrnimmt, wird das Leben leer. Alles ist zu wenig. Er sucht dann seine Zuflucht im Rausch oder in der Gewalt, von der gerade die Jugend heute zunehmend bedroht wird.

Der lebendige Gott

Gott lebt. Er hat jeden von uns geschaffen und kennt daher jeden. Er ist so groß, dass er Zeit hat für unsere Kleinigkeiten: „Alle Haare eures Hauptes sind gezählt." Gott lebt, und er braucht Menschen, die für ihn da sind und die ihn zu den anderen Menschen bringen.

Das Priesterseminar: die Weggemeinschaft der Jünger

Das Priesterseminar ist Weggemeinschaft auf den priesterlichen Dienst zu. Es braucht die „Jüngergemeinschaft", das Miteinander derer, die der gemeinsamen Kirche dienen wollen.


Regel 1: Pflegt die persönliche Beziehung zu Gott!

Der Priester muss ein „Gottesmensch“ sein

Gott ist für uns nicht eine ferne Hypothese, nicht ein Unbekannter, der sich nach dem Urknall zurückgezogen hat. Gott hat sich gezeigt in Jesus Christus. Im Gesicht Jesu Christi sehen wir das Gesicht Gottes. In seinen Worten hören wir Gott selbst mit uns reden. Deshalb ist das Allerwichtigste auf dem Weg zum Priestertum und das ganze Priesterleben hindurch die persönliche Beziehung zu Gott in Jesus Christus.

Der Priester ist der Bote Gottes

Der Priester ist nicht der Verwalter irgendeines Vereins, dessen Mitgliederzahl er zu erhalten und zu vergrößern versucht. Er ist der Bote Gottes unter den Menschen. Er will zu Gott hinführen und so auch die rechte Gemeinschaft der Menschen untereinander wachsen lassen.

Der Sinn des Betens

Wenn der Herr sagt: „Betet allezeit“, dann fordert er uns natürlich nicht dazu auf, dauernd Gebetsworte zu sprechen, sondern dazu, den inneren Kontakt mit Gott nie zu verlieren. In ihn uns einzuüben, ist der Sinn unseres Betens.

Regel 2: Die persönliche Beziehung zu Christus in der Eucharistie ist grundlegend!

Das Sakrament der Eucharistie

Mitte unserer Gottesbeziehung und unserer Lebensgestaltung ist die Eucharistie. Sie von innen her mitzufeiern und so Christus leibhaftig zu begegnen, muss Zentrum aller unserer Tage sein.

Lex orandi – lex credendi im Atem der Jahrhunderte

Zur rechten Eucharistiefeier gehört es auch, dass wir die Liturgie der Kirche in ihrer konkreten Gestalt kennen, verstehen und lieben lernen. In der Liturgie beten wir mit den Gläubigen aller Jahrhunderte – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft berühren sich in einem einzigen großen Chor des Gebetes. Allmählich verstehen zu lernen, wie dies alles gewachsen ist, wie viel Erfahrung des Glaubens im Aufbau der Meßliturgie liegt, wie viele Generationen sie betend geformt haben, ist etwas Begeisterndes, wie ich von meinem persönlichen Weg her sagen darf.

Regel 3: Geht oft zur Beichte!

Das Bußsakrament – Schule der Ehrlichkeit vor Gott gegen die seelische Verwilderung

Auch wenn wir immer wieder mit den gleichen Fehlern zu ringen haben, ist es wichtig, der seelischen Verwilderung entgegenzuwirken; der Gleichgültigkeit, die sich damit abfindet, dass ich nun einmal so bin. Es ist wichtig, auf dem Weg zu bleiben – ohne Skrupulosität, in dem dankbaren Bewusstsein, dass Gott mir immer neu vergibt. Aber auch ohne Gleichgültigkeit, die nicht mehr um die Heiligkeit und um das Besserwerden ringen würde. Und indem ich mir vergeben lasse, lerne ich auch, den anderen zu vergeben.

Regel 4: Würdigt die Volksfrömmigkeit, auch wenn sie zur Irrationalität tendiert!

Achtet die Volksfrömmigkeit!

In der Volksfrömmigkeit ist der Glaube in das Herz der Menschen eingetreten, ist Teil ihres Empfindens, ihrer Gewohnheiten, ihres gemeinsamen Fühlens und Lebens geworden. Deswegen ist die Volksfrömmigkeit ein großer Schatz der Kirche. Der Glaube hat Fleisch und Blut angenommen. Sie muss sicher immer wieder gereinigt, auf die Mitte hin bezogen werden, aber sie verdient unsere Liebe, und sie macht uns selber auf ganz reale Weise zu „Volk Gottes".

Regel 5: Studiert, studiert, studiert!

Die intellektuelle Dimension ist dem christlichen Glauben wesentlich: „Seid stets bereit, jedem Antwort zu geben, der euch nach der ‚Vernunft‘ (Logos) eurer Hoffnung fragt“ (1 Petr 3,15)

Ich kann Euch nur dringend bitten: Studiert eifrig! Nützt die Jahre des Studiums! Ihr werdet es nicht bereuen. Sicher, oft erscheinen Materien des Studiums weit von der Praxis des christlichen Lebens und des pastoralen Dienstes entfernt. Aber es ist trotzdem ganz verkehrt, immer sogleich die pragmatische Frage zu stellen: Kann ich das einmal brauchen? Hat das praktischen, pastoralen Nutzen? Es geht eben nicht bloß darum, das augenscheinlich Nützliche zu erlernen, sondern darum, das innere Gefüge des Glaubens so in seiner Ganzheit zu kennen und zu verstehen, dass es Antwort auf die Fragen der Menschen wird, die äußerlich gesehen von Generation zu Generation wechseln und doch in ihrem tiefsten Grund dieselben bleiben.

Die glaubende Kirche ist die Voraussetzung der wahren Theologie

Liebt das Studium der Theologie, und folgt ihm mit dem wachen Sinn für die Verankerung der Theologie in der lebendigen Gemeinschaft der Kirche, die mit ihrer Autorität nicht etwa ein Gegenpol zur theologischen Wissenschaft, sondern ihre Voraussetzung ist. Ohne die glaubende Kirche hört Theologie auf, sie selber zu sein und wird zu einem Bündel verschiedener Disziplinen ohne innere Einheit.

Regel 6: In allen Dimensionen des Menschseins reifen!

Der Seminarist – work in progress

Für den Priester, der andere auf dem Weg durchs Leben und bis zur Pforte des Todes begleiten soll, ist es wichtig, dass er selbst Herz und Verstand, Vernunft und Gefühl, Leib und Seele ins rechte Gleichgewicht gebracht hat und menschlich „intakt" ist. Die christliche Überlieferung hat daher immer mit den „göttlichen Tugenden" auch die von der Erfahrung des Menschseins, von der Philosophie her gefundenen „Kardinaltugenden" und überhaupt die gesunde ethische Überlieferung der Menschheit verbunden.

Priestersein, Sexualität und Zölibat: die notwendige Integration der Sexualität ins Ganze der Persönlichkeit

Die Sexualität ist eine Gabe des Schöpfers, aber auch eine Aufgabe an das eigene Menschwerden. Wenn sie nicht in die Person integriert ist, dann wird sie banal und zerstörerisch zugleich.

Der sexuelle Missbrauch von Kindern – das Zerrbild des Priesteramtes

Statt Menschen zu reifer Menschlichkeit hinzuführen und sie ihnen selbst vorzuleben, haben (die betroffenen Priester) durch ihren Missbrauch Zerstörungen hervorgerufen, die wir mit tiefem Schmerz bedauern. Aber der zutiefst zu missbilligende Missbrauch kann die priesterliche Sendung nicht diskreditieren, die groß und rein bleibt.

Neue Wachsamkeit während der Ausbildung

Das Geschehene muss uns freilich wacher und aufmerksamer machen, gerade auf dem Weg zum Priestertum sich selber vor Gott gründlich zu befragen, ob dies sein Wille für mich ist. Es ist Aufgabe der Beichtväter und Eurer Vorgesetzten, Euch auf dem Weg dieser Entscheidung zu begleiten und zu helfen. Es ist ein grundlegendes Element Eures Weges, im Aufblick zu dem in Christus offenbaren Gott die grundlegenden Tugenden des Menschseins zu üben und von ihm her immer neu reinigen zu lassen.

Regel 7: Zusammenleben muss gelernt werden!

Die neuen Orte des Heranwachsens der Priesterberufung und das Leben auf ganz verschiedenen „spirituellen Kontinenten“ darf die Gemeinsamkeit des künftigen Auftrags und seines spirituellen Weges nicht beeinträchtigen

Gerade deshalb ist das Priesterseminar wichtig als Weggemeinschaft über die verschiedenen Formen der Spiritualität hin. Die Movimenti sind eine großartige Sache. Ihr wisst, wie sehr ich sie als Gabe des Heiligen Geistes an die Kirche schätze und liebe. Aber sie müssen daran gemessen werden, wie sie alle auf das gemeinsame Katholische, auf das Leben der gemeinsamen Kirche Christi offen sind, die in aller Vielfalt doch nur eine ist.

Das Priesterseminar – Schule der Toleranz als Schule des Sich-Annehmens und Sich-Verstehens

Das Priesterseminar ist die Zeit, in der Ihr miteinander und voneinander lernt. In dem manchmal vielleicht schwierigen Miteinander müsst Ihr die Großzügigkeit und Toleranz erlernen, einander nicht nur ertragen, sondern gegenseitig bereichern, so dass jeder seine spezifische Gabe ins Ganze einbringen kann, aber doch alle der gleichen Kirche, dem gleichen Herrn dienen. Diese Schule der Toleranz, mehr: des Sich-Annehmens und des Sich-Verstehens in der Einheit des Leibes Christi gehört zu den wichtigen Elementen der Jahre im Priesterseminar
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